Tobias Reithmeier

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Emissions Gap Report 2026: Kurs auf 2,8 Grad

Am 21. Oktober 2026 hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) seinen Emissions Gap Report 2026 veröffentlicht, Titel: „The Point of Return“. Der Bericht vergleicht jedes Jahr, wohin die weltweiten Treibhausgasemissionen unter der tatsächlichen Politik laufen und wohin sie laufen müssten, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Die Kernaussage der neuen Ausgabe: Die Chance, die Erwärmung ohne oder mit nur geringer Überschreitung auf 1,5 °C zu begrenzen, ist vorbei. Setzen die Staaten ihre heutige Politik fort, läuft die Welt bis 2100 auf rund 2,8 °C zu.

Diese Zahl ist schnell zitiert und leicht missverstanden. Deshalb der Reihe nach: was sie aussagt, was sich gegenüber dem Vorjahr geändert hat und was daraus folgt.

Was 2,8 °C bedeutet - und was nicht

Die 2,8 °C sind keine Obergrenze und keine sichere Prognose. UNEP formuliert sie als Wahrscheinlichkeit: Bei Fortsetzung der heutigen Politik liegt die Chance bei 66 Prozent, dass die Erwärmung bis 2100 auf 2,8 °C begrenzt bleibt. Umgekehrt gelesen heißt das: In etwa einem von drei Fällen wird es wärmer. Und 2100 ist kein Endpunkt. Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass die Temperatur in diesem Szenario danach weiter steigt.

Zur Einordnung die anderen Szenarien des Berichts, jeweils mit derselben Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent:

SzenarioErwärmung
Heutige Politik wird fortgesetzt2,8 °C bis 2100, danach steigend
Alle nationalen Klimaziele (NDCs) werden umgesetzt2,6 °C bis 2100
Alle NDCs und zusätzlich alle Netto-Null-Ziele werden erreicht2,1 °C in diesem Jahrhundert

Selbst das optimistischste Szenario liegt damit über dem, was die Staaten in Paris vereinbart haben. Es ist laut Bericht der einzige Fall mit einer Chance von mehr als 50 Prozent, unter 2 °C zu bleiben.

Auch bei den Emissionen selbst gibt es keine Entwarnung. 2025 lagen die weltweiten Treibhausgasemissionen bei 58,4 Gigatonnen CO2-Äquivalenten, mit einer Unsicherheit von plus/minus 5,5 Gigatonnen. Vorläufige Schätzungen deuten auf einen leichten Rückgang um 0,1 Gigatonnen gegenüber 2024 hin, doch UNEP schreibt selbst, dass sich aus dieser Unsicherheitsspanne keine Richtung ablesen lässt. Die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen sind 2025 weiter gestiegen. Über das vergangene Jahrzehnt wuchsen die Gesamtemissionen im Mittel um 0,8 Prozent pro Jahr.

Was sich gegenüber dem Vorjahr geändert hat

Hier lohnt der genaue Blick, denn die 2,8 °C sind nicht neu. Schon der Emissions Gap Report 2025 kam für die heutige Politik auf 2,8 °C. Dieses Szenario ist laut UNEP als einziges unverändert geblieben. Verschlechtert hat sich das Szenario, in dem alle NDCs umgesetzt werden: Im Vorjahr lag es bei 2,3 bis 2,5 °C, jetzt bei 2,6 °C. Auch das optimistischste Szenario fällt schlechter aus als im Vorjahr.

UNEP nennt zwei Gründe:

  • Der formelle Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen. Das US-Klimaziel fließt nicht mehr in die globale Summe ein. An seine Stelle treten die Emissionsprojektionen der heutigen US-Politik.
  • Nach oben korrigierte historische Emissionen. Die Emissionen des Jahres 2024 wurden von 57,7 auf 58,5 Gigatonnen CO2-Äquivalente angehoben, vor allem wegen einer methodischen Änderung im Global Carbon Budget bei den Emissionen aus Landnutzungsänderungen.

Die neu eingereichten Klimaziele haben an den Projektionen dagegen kaum etwas bewegt. Bis zum 1. September 2026 hatten 124 Vertragsparteien neue NDCs vorgelegt, die rund 76 Prozent der weltweiten Emissionen abdecken; im Vorjahr waren es 57 Einreichungen mit 63 Prozent. Ihr Einfluss auf Emissionen und Erwärmung ist nach UNEP nahezu null.

Der Weg zurück: erst überschreiten, dann absenken

Weil 1,5 °C ohne Überschreitung nicht mehr erreichbar ist, rechnet der Bericht mit einem neuen Maßstab: einem „niedrigstmöglichen“ Überschreitungsszenario. Darin erreicht die Erwärmung um die Mitte des Jahrhunderts ihren Höhepunkt bei 1,7 bis 1,8 °C (66 Prozent Wahrscheinlichkeit) und sinkt bis 2100 wieder auf 1,5 °C oder darunter (50 Prozent Wahrscheinlichkeit).

Die Voraussetzungen sind hart. Gegenüber 2025 müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen sinken um:

  • 18 Prozent bis 2030 (Spanne 15 bis 36 Prozent),
  • 45 Prozent bis 2035 (Spanne 30 bis 60 Prozent),
  • 69 Prozent bis 2040 (Spanne 60 bis 76 Prozent).

Das entspricht im Mittel 5,7 Prozent weniger pro Jahr zwischen 2025 und 2035, mehr als die rund 5 Prozent, die die Pfade des sechsten IPCC-Sachstandsberichts verlangt hatten. Die vollständige Umsetzung aller NDCs brächte dagegen nur 5 bis 8 Prozent weniger bis 2030 und 11 bis 15 Prozent bis 2035.

Hinzu kommt die Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre: rund 320 Gigatonnen CO2 müssten im Lauf des Jahrhunderts entnommen und dauerhaft gespeichert werden, etwa so viel wie die weltweiten CO2-Emissionen von acht Jahren auf dem Niveau von 2024. UNEP nennt die Chancen dafür wegen sozioökonomischer und technischer Hürden selbst unsicher.

Und die Zeit arbeitet gegen diesen Pfad. Fünf weitere Jahre Emissionen auf heutigem Niveau fügen der Atmosphäre rund 200 Gigatonnen CO2 hinzu und heben den Spitzenwert der Erwärmung um etwa 0,1 °C.

Was 2,8 Grad global regional heißen

Alle Zahlen des Berichts sind globale Mittelwerte. Wie wenig sie über das Wetter vor der eigenen Haustür aussagen, habe ich im Beitrag Warum 2 Grad globale Erwärmung in Europa +6 Grad bedeuten beschrieben: Landflächen erwärmen sich schneller als Ozeane, die Arktis schneller als der Rest des Planeten, und bei blockierten Wetterlagen verstärkt sich die Hitze über ausgetrockneten Böden selbst.

Diese Mechanismen hören bei 2 °C nicht auf. Bei 2,8 °C setzen sie auf einem höheren Ausgangsniveau an. Eine seriöse regionale Zahl für Europa bei 2,8 °C liefert der Emissions Gap Report nicht, und ich leite hier auch keine ab. Die Richtung ist aber klar: Der globale Mittelwert unterschätzt, was in Europa an heißen Tagen ankommt.

Kipppunkte: warum jedes Zehntelgrad zählt

UNEP betont, dass jeder zusätzliche Bruchteil eines Grades und jedes weitere Jahr über 1,5 °C das Risiko unumkehrbarer Veränderungen erhöht, und nennt Eisschilde, Kohlenstoff im Permafrost, Meeresströmungen und Korallen. Das sind genau die Kippelemente, um die es im Beitrag Kipppunkte: Wann das Klimasystem umkippt geht.

Legt man die dort zitierten Schwellen von Armstrong McKay und Kollegen (2022) neben die 2,8 °C, ergibt sich ein nüchternes Bild: Die besten Schätzwerte für den grönländischen und den westantarktischen Eisschild, die Warmwasser-Korallenriffe und das abrupte Auftauen des Permafrosts liegen bei 1,5 °C, für das Barentssee-Eis bei 1,6 °C und für die Konvektion in der Labradorsee bei 1,8 °C. Eine Erwärmung von 2,8 °C läge über all diesen Werten und nahe am besten Schätzwert für Teilbecken der Ostantarktis von 3,0 °C. Die Bandbreiten um diese Schätzwerte sind groß, ein automatisches Kippen aller Elemente folgt daraus nicht. Aber das Risiko wächst mit jedem Zehntelgrad, und die Folgen wären auf menschlichen Zeitskalen nicht rückholbar.

Was zu tun wäre

Der Bericht ist nicht nur eine Mängelliste. Er enthält auch Belege dafür, dass Klimapolitik wirkt:

  • Mehr als 220 Politikevaluationen belegen messbare Effekte. Die untersuchten Maßnahmen im Stromsektor senkten die Emissionen im Mittel um 9 Prozent, Emissionshandel und CO2-Steuern um 5 bis 13 Prozent.
  • Die weltweite Kapazität erneuerbarer Stromerzeugung ist seit dem Pariser Abkommen dreimal so schnell gewachsen wie 2015 erwartet, der Ausbau der Photovoltaik sogar siebenmal so schnell. Setzt sich dieser Trend mit zusätzlicher Politik fort, ist das Ziel, die erneuerbare Kapazität bis 2030 zu verdreifachen, erreichbar.

Für 2035 nennt UNEP konkrete Richtwerte, jeweils gegenüber 2025: die erneuerbare Stromkapazität mindestens verdreifachen, die Energieintensität der Wirtschaft um mindestens 30 Prozent senken, den Kohleanteil an der Energieversorgung um mindestens 55 Prozent und die Kohleverstromung um mindestens 75 Prozent reduzieren, die Methanemissionen um mindestens 25 Prozent. Bis 2040 soll Kohlestrom weltweit praktisch auslaufen.

Wie so etwas für ein einzelnes Land aussieht, zeigt der Beitrag Klimaneutral bis 2045: Der Fahrplan fürs Energiesystem: massive direkte Elektrifizierung, ein vervielfachter Ausbau von Wind und Sonne, Wasserstoff nur dort, wo Strom nicht reicht. Die Fraunhofer-ISE-Studie dahinter beziffert auch, was Zögern kostet: Im Szenario „Beharrung“ kostet jede vermiedene Tonne CO2 knapp 320 Euro, im Szenario „Effizienz“ knapp 90 Euro. UNEP rechnet global in Temperatur statt in Euro: fünf Jahre Emissionen auf heutigem Niveau, rund 0,1 °C mehr Spitzenerwärmung.

Fazit

Die 2,8 °C sind kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis der heute geltenden Politik. Zwischen diesem Wert und den 2,1 °C des optimistischsten Szenarios liegt die Umsetzung von Zielen, die die Staaten bereits beschlossen haben. Der Weg zurück unter 1,5 °C bis zum Ende des Jahrhunderts ist nach UNEP noch offen, aber nur mit deutlich schnelleren Emissionssenkungen als bisher und mit CO2-Entnahmen in einer Größenordnung, deren Machbarkeit unsicher ist. Je früher die Kurve fällt, desto weniger hängt davon ab.

Quellen und weiterführende Informationen