Tobias Reithmeier

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Warum 2 Grad globale Erwärmung in Europa +6 Grad bedeuten

In den internationalen Klimaverhandlungen wird fast ausschließlich über globale Durchschnittswerte gesprochen. Das Pariser Abkommen will die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad begrenzen, idealerweise auf 1,5 Grad. Solche Zahlen führen aber leicht in die Irre. Sie klingen, als würde es überall auf der Welt einfach ein wenig milder.

Erwärmt sich die Erde im globalen Durchschnitt um 2 °C, steigen die Temperaturen in Europa um bis zu 6 Grad, vor allem bei Extremwetterlagen. Verrechnet hat sich da niemand. So funktioniert die Thermodynamik.

1. Der Ozean-Effekt: Warum Landmassen schneller aufheizen

Der wichtigste Grund für den Unterschied ist die Verteilung von Land und Wasser. Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt, und Wasser hat eine enorme Wärmekapazität. Ozeane schlucken also gigantische Mengen Energie, ohne selbst im selben Maß wärmer zu werden. Außerdem verdunstet Wasser, und das kühlt zusätzlich.

Land ist da anders. Es speichert kaum Energie, und sobald die Böden austrocknen, fällt die kühlende Verdunstung weg. Die globalen Zielwerte von 1,5 oder 2 Grad sind ein Mittelwert aus den Temperaturen über Wasser und über Land. Weil die Ozeane sich deutlich langsamer erwärmen, müssen sich die Landflächen, also genau dort, wo wir Menschen leben, zwangsläufig weit über dem Durchschnitt aufheizen, damit dieser Mittelwert herauskommt.

2. Die arktische Verstärkung und der Jetstream

Europa liegt geografisch in der Nähe der Arktis, und die Arktis erwärmt sich derzeit fast viermal so schnell wie der Rest des Planeten. Schmilzt dort das weiße Eis, kommt dunkles Meerwasser zum Vorschein. Und dunkle Flächen schlucken das Sonnenlicht, statt es zurückzuwerfen (Albedo-Effekt). So heizt sich die Region noch schneller auf.

Je stärker sich der Norden erwärmt, desto kleiner wird der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Nordpol. Genau dieser Unterschied treibt aber den Jetstream an, ein starkes Windband in der Atmosphäre, das unser Wetter in Europa von West nach Ost schiebt. Läuft dieser Motor langsamer, beginnt der Jetstream zu mäandrieren, er schlägt also riesige Wellen. Dann bleiben Wettersysteme tagelang an Ort und Stelle stehen. Im Sommer heißt das: langanhaltende, blockierende Hochdruckgebiete, unter denen sich die Hitze ungehindert staut.

3. Der Verstärkungseffekt bei Hitzewellen

Bei 2 Grad globaler Erwärmung steigt die Landtemperatur in Europa im Schnitt um etwa 3 bis 4 Grad. Stellt sich im Sommer dann eine blockierte Wetterlage ein, schaukelt sich das Ganze selbst hoch:

  1. Sonnenstrahlung: Die Sonne scheint tagelang auf die europäischen Böden.
  2. Austrocknung: Aufgrund der ohnehin höheren Basistemperatur trocknet die Bodenfeuchtigkeit extrem schnell aus.
  3. Fehlende Kühlung: Sobald keine Feuchtigkeit mehr im Boden ist, kann keine Sonnenenergie mehr für die Verdunstung aufgewendet werden. Die gesamte Energie der Sonne fließt stattdessen direkt in die Erwärmung der Luft.

Das verstärkt sich gegenseitig. Bei extremen Wetterlagen wächst der Ausschlag deshalb nicht linear, sondern exponentiell. Am Ende steht eine lokale Hitzewelle, die statistisch 5 bis 6 Grad heißer ausfällt als bei derselben Wetterlage vor der Industrialisierung.

Fazit

Wenn wir von einem „2-Grad-Ziel“ sprechen, dürfen wir das nicht mit unserem lokalen Wetter verwechseln. Für Europa verschiebt ein globaler Anstieg um 2 Grad das ganze Temperaturgefüge. Extremereignisse kommen dann häufiger, und sie erreichen Spitzen, denen unsere Infrastruktur, die Landwirtschaft und unsere Gesundheit so noch nie standhalten mussten.

Quellen und weiterführende Informationen